Grundbegriffe und Abgrenzung
Hormone sind biologische Botenstoffe, die in Organismen (Pflanzen, Tieren, Menschen) gebildet werden und über Blut oder andere Flüssigkeiten spezifische Zielzellen steuern. Chemisch gehören dazu verschiedene Stoffklassen: Steroidhormone (z. B. Östrogene, Androgene, Gestagene), Peptidhormone (z. B. Insulin) und iodhaltige Schilddrüsenhormone. Endokrine Disruptoren (EDCs) sind ein weiter gefasster Begriff: er umfasst alle natürlichen oder künstlichen Stoffe, die das endokrine System verändern können — entweder weil sie wie ein Hormon an Rezeptoren binden (agonistisch/antagonistisch), die Hormonproduktion oder den -abbau beeinflussen oder den Transport und die Signalweiterleitung stören. Nicht alle EDCs sind selbst Hormone; viele sind chemische „Hormonimitatoren“ oder wirken indirekt.
Man unterscheidet natürliche (endogene) Hormone, die von Mensch und Tier ausgeschieden werden, von synthetischen Substanzen: dazu zählen Wirkstoffe aus Arzneimitteln wie das in vielen oralen Kontrazeptiva enthaltene Ethinylestradiol, synthetische Gestagene, aber auch hormonelle Tierarzneimittel oder anabol wirkende Substanzen. Darüber hinaus entstehen beim Metabolismus und bei Umweltprozessen Transformationsprodukte, die erhörte oder abgeschwächte hormonelle Aktivität besitzen können. Deshalb ist es wichtig, zwischen dem ursprünglichen Wirkstoff, seinen Metaboliten und allgemein hormonaktiven Substanzen zu unterscheiden.
Hormone und hormonaktive Stoffe im Wasser sind problematisch, weil viele von ihnen bereits in sehr geringen Konzentrationen biologisch wirksam sind, sich unterschiedlich gut abbauen oder in Sedimenten anreichern können und durch Mischungen komplexe Effekte auslösen. Kleine Konzentrationen können bei empfindlichen Organismen zu reproduktiven Störungen oder Geschlechtsveränderungen führen; zudem sind Wirkungen nicht immer linear zur Dosis (z. B. Niedrigdosis‑Effekte, nicht-monotone Dosis‑Antworten). Ökologische Folgen und potenzielle gesundheitliche Risiken für Menschen hängen deshalb nicht nur von der Konzentration eines einzelnen Stoffes, sondern auch von Dauer, Mischungseffekten und Verwundbarkeit bestimmter Gruppen ab.
Quellen und Transportwege ins Wassersystem
Die Einträge von Hormonen ins Wassersystem lassen sich grob in punktuelle und diffuse Quellen sowie in direkte und indirekte Eintragswege unterscheiden. Zu den wichtigsten punktuellen Quellen gehören Einleitungen aus kommunalen und industriellen Abwasserströmen, zu den diffusen vor allem landwirtschaftliche Flächen und unsachgemäße Entsorgungswege für Arzneimittel. Über verschiedene Transportwege — Kanalisation, Oberflächenabfluss, Drainagen, Grundwasserströmung — gelangen Spurenkonzentrationen schließlich in Bäche, Flüsse, Seen und in Rohwassereinzugsgebiete für die Trinkwassergewinnung.
Ein zentraler Eintragsweg sind menschliche Ausscheidungen: Urin und Fäzes enthalten sowohl unveränderte Wirkstoffe (z. B. Östrogene aus oralen Kontrazeptiva) als auch deren Metaboliten. Diese gelangen über die häusliche Kanalisation in Kläranlagen. Dort werden viele Substanzen nicht vollständig entfernt, sodass gereinigtes Abwasser trotz beträchtlicher Reduktion noch belastende Rückstände in die Vorfluter abgibt. Zusätzliche punktuelle Belastungen entstehen durch Krankenhaus- und Pflegeeinrichtungen sowie durch Kleinkläranlagen und Sickergruben, die schlechtere Reinigungsleistungen aufweisen. Unsachgemäße Entsorgung von Restmedikamenten (Spülen in Toilette/Spüle, Müll) führt zu zusätzlichen Einträgen unmittelbar in die Abwasserstrecke oder auf Deponien.
In der Landwirtschaft sind Tierarzneimittel und endogene Hormone von Nutztieren wichtige Quellen. Hormonwirksame Substanzen werden teilweise direkt als Tierarzneimittel eingesetzt; zudem enthalten Gülle und Mist natürliche Hormone aus Ausscheidungen. Beim Ausbringen von Gülle oder Gärresten auf Feldern können Hormone über Oberflächenabfluss und vor allem über Drainagesysteme (Kacheldrainage) sehr schnell in Gewässer transportiert werden, ohne dass Bodenprozesse sie vollständig abbauen. Unzureichend geschützte Lagerstätten, Leckagen aus Güllegruben und intensiver Niederschlag verstärken diese Einträge. Dadurch entstehen lokal sehr unterschiedliche Belastungsprofile, abhängig von Tierbestand, Ausbringungszeitpunkt und hydrologischen Bedingungen.
Industrielle Quellen und aquatische Tierhaltung tragen ebenfalls bei: Abwässer aus der Pharma- und Chemieproduktion, Zuläufe aus Klärschlammverarbeitungsanlagen, Aquakulturbetriebe (z. B. Einsatz von Antibiotika und Hormonpräparaten) sowie Deponieleachate können punktuelle Konzentrationsspitzen verursachen. Außerdem können undichte Abwasserkanäle, Fehlanschlüsse und Regenwasserkanäle, die mit belasteten Flächen in Kontakt stehen, Stoffe direkt in das Oberflächengewässer oder in das Grundwasser lopen lassen.
Als Transport- und Transformationswege sind kombinierte Kanalsysteme mit Überläufen bei Starkregen, episodische Spül- und Erosionsereignisse sowie die direkte Einleitung in Vorfluter entscheidend: Starkregen führt zu kurzzeitigen, aber erheblichen Konzentrationsspitzen in Gewässern („Spülereignisse“). Im Fließgewässer können Hormone adsorbieren, sedimentiert werden oder durch mikrobiellen Abbau und photochemische Prozesse umgewandelt werden — wobei manche Metaboliten weiterhin hormonaktiv bleiben oder sogar reaktiviert werden (z. B. durch Deconjugation). All diese Wege führen dazu, dass Rohwassereinzugsgebiete für Trinkwassergewinnung belastet werden können, sodass Rückstände in das Rohwasser und damit potenziell in die Trinkwasseraufbereitung gelangen.
Typen von Hormonen im Wasser
Unter den im Wasserkreislauf nachgewiesenen hormonellen Substanzen gibt es eine breite Vielfalt: natürlich vorkommende Steroidhormone, synthetische Wirkstoffe aus Human- und Tiermedizin sowie nicht‑steroidale, hormonähnliche Chemikalien mit endokriner Aktivität.
Besonders häufig diskutiert werden Östrogene. Typische Vertreter sind das natürliche 17β‑Estradiol, Estron sowie das synthetische Ethinylestradiol (EE2), das in oralen Kontrazeptiva vorkommt. EE2 gilt wegen seiner hohen hormonellen Wirksamkeit bereits in sehr geringen Konzentrationen als besonders relevant für aquatische Organismen. Quellen sind vor allem menschliche Ausscheidungen, aber auch Abwässer aus Haushalten und Kläranlagen.
Neben Östrogenen kommen Androgene (z. B. Testosteron und androgen wirksame Metabolite, bei Fischen auch 11‑ketotestosteron) und Gestagene (z. B. Progesteron sowie synthetische Gestagene wie Levonorgestrel oder Norethisteron aus hormonellen Verhütungsmitteln) vor. Diese Stoffgruppen können geschlechtsspezifische Effekte in Wasserlebewesen auslösen und werden deshalb ebenfalls untersucht.
Schilddrüsenhormone (Thyroxin T4, Triiodthyronin T3) und stoffe, die die Schilddrüsenfunktion beeinflussen, gehören zu einer weiteren Klasse relevanter Substanzen. Veränderungen der Schilddrüsenachse können Entwicklungs- und Stoffwechselprozesse bei Wirbeltieren beeinträchtigen.
Tierarzneimittel und agrochemische Einsatzstoffe tragen zusätzlich bei: in der Veterinärmedizin eingesetzte Steroide oder hormonähnliche Wachstumsförderer (sowie deren Rückstände in Gülle und Oberflächenabfluss) können in Gewässer gelangen. Auch in der Aquakultur eingesetzte Wirkstoffe müssen berücksichtigt werden.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen den ursprünglich applizierten Hormonen (Parent‑Verbindungen) und deren Metaboliten bzw. Transformationsprodukten. Viele Hormone werden im Körper als Konjugate (z. B. Glucuronide, Sulfate) ausgeschieden; diese können in Kläranlagen oder in Gewässern durch mikrobielle Enzyme wieder zu aktiven Formen dekonjugiert werden. Zusätzlich entstehen durch Abbauprozesse (biotisch/abiotisch) Transformationsprodukte, die weniger, gleich oder in Einzelfällen sogar stärker hormonwirksam sein können. Deshalb reicht die Analyse nur auf die Ausgangssubstanz oft nicht aus.
Schließlich sind da noch non‑steroidale, hormonähnliche Chemikalien (z. B. Bisphenol A, bestimmte Alkylphenole, einige Pestizide oder UV‑Filter), die zwar keine Hormone im chemischen Sinne sind, aber endokrine Wirkungen zeigen und in Untersuchungen zu den „hormonähnlichen“ Belastungen gerechnet werden. Insgesamt ergibt sich eine komplexe Stoffmischung aus Parent‑Hormonen, Konjugaten und Transformationsprodukten, die für Monitoring und Risikobewertung berücksichtigt werden muss.
Vorkommen, Konzentrationsbereiche und räumliche Verteilung
Die Konzentrationen hormoneller Stoffe in Umwelt- und Rohwässern liegen typischerweise im sehr niedrigen Bereich von Pikogramm (10‑12 g) bis Nanogramm (10‑9 g) pro Liter. Viele Studien melden Werte in den unteren pg/L‑Bereichen für besonders wirksame Substanzen (z. B. synthetische Östrogene) und gelegentlich niedrige ng/L‑Werte in unmittelbarer Nähe von Einleitungsquellen. Die berichteten Häufigkeiten und Werte hängen stark von der analytischen Nachweisgrenze ab: je empfindlicher die Methode, desto häufiger werden geringe Konzentrationen nachgewiesen. Nicht‑Nachweise spiegeln daher nicht immer Abwesenheit, sondern oft nur die Limitation der Messmethode wider.
Räumlich zeigen sich deutliche Gradienten: Konzentrationen sind in der Regel erhöht in der Nähe von Kläranlagen‑Abläufen, Krankenhaus‑ und Industrieeinleitungen, in urbanen Flussabschnitten sowie in landwirtschaftlich beeinflussten Gewässern mit Direkteinträgen aus Gülle und Drainage. Bodennahe Rohwassereinzugsgebiete können durch Oberflächenabfluss, Fluss‑Grundwasser‑Interaktion oder Leckagen kontaminiert werden; flussabwärts nimmt die Belastung im Allgemeinen durch Verdünnung und abbauende Prozesse ab, wobei lokale Wiederanreicherung an bestimmten Stellen möglich ist.
Hydrologische Verhältnisse bestimmen die zeitliche Dynamik: In Trockenperioden führt geringere Verdünnung häufig zu höheren, aber eher stabilen Konzentrationen; Starkregen‑ oder Spülereignisse erzeugen dagegen kurzzeitige Konzentrationsspitzen durch Kombination aus Oberflächenabfluss, Kanalüberläufen und Remobilisierung von sedimentgebundenen Rückständen. Saisonale Muster treten auf — beispielsweise vermehrte Einträge während der Ausbringungsphasen in der Landwirtschaft oder veränderte Abwasserzusammensetzungen durch Urlaubssaisons und saisonale Medikamentennutzung.
Sedimente und Partikel spielen eine wichtige Rolle als Senke und Reservoir: viele hormonaktive Stoffe adsorbieren an organische Partikel und lagern sich in Flusssedimenten ab, wo sie länger persistieren können. Diese Sedimentbestände können bei Hochwasser oder baulichen Eingriffen wieder freigesetzt werden, was zu zusätzlichen Belastungspulsen führt. Zudem sind Biota — insbesondere benthische Organismen und Fische — anfällig für Anreicherungseffekte; dort können auch niedrige Wasser‑Konzentrationen zu biologisch relevanten Expositionen führen.
Wichtig ist die Unterscheidung von Substanzarten und Transformationsprodukten: Neben den Primärsubstanzen werden häufig Metabolite und Umwandlungsprodukte nachgewiesen, die andere Mobilitäts‑ und Persistenzeigenschaften besitzen und in der räumlichen Verteilung anders auftreten können. Solche Produkte können in Grundwasserleitern weiter transportiert werden oder in Oberflächengewässern länger nachweisbar sein als das ursprüngliche Molekül.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Hormonaktive Stoffe kommen verbreitet, aber meist in sehr niedrigen Konzentrationen vor; ihre räumliche Verteilung ist lokal stark variabel und wird von Eintragsquellen, hydrologischen Bedingungen, saisonalen Faktoren sowie Sediment‑ und Partikelprozessen bestimmt. Für eine aussagekräftige Risikoabschätzung sind daher räumlich feingliedrige und zeitlich wiederholte Messprogramme notwendig, die sowohl gelöste Substanzen als auch Partikel‑gebundene Anteile und Transformationsprodukte berücksichtigen.
Analytik und Nachweismethoden
Die Analytik von hormonaktiven Stoffen im Wasser ist technisch anspruchsvoll, weil die relevanten Konzentrationen extrem niedrig sind, die Substanzpalette sehr heterogen ist und Proben leicht kontaminiert oder biologisch verändert werden können. Schon die Probenahme stellt daher besondere Anforderungen: große Probenvolumina (von einigen Litern bis zu mehreren Dutzend Litern je nach Zielanalyt und Nachweisgrenze), saubere, vorbefüllte Gefäße (vorzugsweise Glas oder speziell vorbehandelte Kunststoffe), feldseitige Blankproben und schnelle Kühlung/Transport bei 4 °C sind Standard. Zur Vermeidung biologischer Umwandlung werden Proben häufig möglichst bald filtriert und gegebenenfalls konserviert oder mit Enzymhemmern behandelt; für Untersuchungen von Gesamtgehalten (inkl. konjugierter Formen) werden Enzymhydrolysen (β‑Glucuronidase/Sulfatase) eingesetzt, was allerdings Artefakte und Quantifizierungsunsicherheiten erzeugen kann.
Für die chemische Analytik ist eine Anreicherung unabdingbar: Solid‑Phase‑Extraction (SPE) ist die gebräuchlichste Probenvorbereitung, oft mit polymerischen oder umgekehrten Phasen (z. B. HLB/C18‑Typen), gefolgt von Aufkonzentrierung und Aufschluss in geeigneten Lösungsmitteln. LC‑MS/MS (flüssigchromatographie gekoppelt an Tandem‑Massenspektrometrie, häufig Triple‑Quadrupol) gilt momentan als Standardmethode für zielgerichtete Quantifizierung vieler Hormonklassen, weil sie hohe Empfindlichkeit und Selektivität bietet. Für die Identifizierung unbekannter oder überraschender Transformationsprodukte sowie für breit angelegte Screening‑Ansätze werden zunehmend Hochauflösende Massenspektrometrie‑Systeme (LC‑HRMS, z. B. QTOF oder Orbitrap) eingesetzt; diese ermöglichen Suspect‑ und Non‑Target‑Analysen, sind aber aufwendiger in der Dateninterpretation.
Gute Analytik erfordert stringentes Qualitätsmanagement: stabilisierte, isotopenmarkierte interne Standards zur Korrektur von Matrixeffekten und Rückgewinnen, Kalibrierung mit Matrixanpassung, systematische Labor‑ und Feldblanks sowie Validierung von Nachweisgrenzen und Wiederfindungsraten. Matrixeffekte (Ionensuppression/-verstärkung) sind bei spurenanalytischen MS‑Methoden ein zentrales Problem und müssen durch geeignete Aufreinigung, Verdünnung oder Einsatz interner Standards kompensiert werden.
Ergänzend zur chemischen Analytik werden effektbasierte Bioassays eingesetzt, um hormonelle Aktivität unabhängig von der Kenntnis einzelner Substanzen zu messen. Zu den etablierten Testformaten zählen zellbasierte Reporterassays (z. B. Yeast Estrogen Screen, ER‑CALUX) für östrogene Aktivität oder Androgen‑rezeptor‑Assays; sie erfassen Mischungseffekte und unbekannte Wirkstoffe, liefern aber keine Identität der Verursacher. Effektorientierte Analytik (Effect‑Directed Analysis, EDA) kombiniert Fraktionierung, Bioassays und anschließende chemische Identifizierung und ist ein leistungsfähiger, aber arbeitsintensiver Ansatz, um Wirkstoffverantwortliche in komplexen Matrizes aufzuspüren.
Wesentliche Grenzen der aktuellen Methoden sind die extreme Messanforderung (Pikogramm‑ bis Nanogramm/Liter), die Präsenz und Vielfalt von Transformationsprodukten und Konjugaten, die analytisch schwer zu erfassen sind, sowie die Kosten und der Bedarf an hochqualifiziertem Personal und Infrastruktur. Während LC‑MS/MS gezielt sehr niedrige Nachweisgrenzen für bekannte Zielanalyte erreicht, bleiben nicht‑zielgerichtete Spuren, Isomerentrennung, und die Toxikologische Relevanz gemessener Konzentrationen (bioverfügbare Fraktionen) Herausforderungspunkte. Bioassays ergänzen die Chemie, können aber biologische Relevanz und Wirkmechanismus nicht immer eins‑zu‑eins auf die menschliche Exposition übertragen.
In der Praxis ist deshalb eine kombinierte Strategie sinnvoll: sorgfältige Probenahme und SPE‑basiertes Anreicherungs‑/Aufbereitungsprotokoll, zielgerichtete LC‑MS/MS‑Analytik mit isotopenmarkierten Standards für quantifizierbare Prioritätsstoffe, ergänzt durch LC‑HRMS für Screening und Identifikation von Metaboliten sowie durch effektbasierte Bioassays und EDA, um Mischungseffekte und unbekannte Wirkstoffe zu detektieren. Nur so lassen sich valide Vorkommensdaten, Risikobewertungen und zielführende Maßnahmen planen — allerdings zu entsprechendem finanziellem und personellem Aufwand.
Ökologische Effekte
Hormone und hormonaktive Substanzen wirken anders als klassische Giftstoffe: sie entfalten bereits in sehr niedrigen Konzentrationen steuernde Effekte auf physiologische Regelkreise (Fortpflanzung, Wachstum, Stoffwechsel) und greifen gezielt in hormonelle Signalwege ein. Deshalb sind die biologischen Wirkungen häufig spezifisch (z. B. Bindung an Östrogen‑ oder Androgenrezeptoren) und können sich in subletalen, aber ökologisch relevanten Effekten äußern, die mit konventionellen Toxizitätsprüfungen schwer zu erfassen sind.
Bei Fischen sind die am besten dokumentierten Effekte die sogenannte Feminisierung und Vermännlichung: exponierte Männchen zeigen oft eine Induktion von Eiweißstoffen wie Vitellogenin (ein feminines Leberprotein), Entwicklung intersexueller Gonaden (Vorhandensein von Eizellen in Hoden), reduzierte Spermienqualität und verringerte Fruchtbarkeit. Diese Veränderungen beeinträchtigen die Fortpflanzungsleistung einzelner Tiere und können bei dauerhafter Belastung die Reproduktionsraten ganzer Populationen reduzieren. Darüber hinaus werden Verhaltensänderungen (z. B. Paarungs‑ und Revierverhalten), verzögertes Wachstum oder verminderte Überlebensraten der Nachkommen berichtet.
Auch Wirbellose, Amphibien und Vögel sind betroffen, wenn auch mit anderen Zielorganen und Endpunkten. Thyroidhormone beeinflussen insbesondere Amphibien‑Metamorphose und Entwicklung; Störungen können zu verzögerter oder fehlerhafter Metamorphose führen. Bei wirbellosen Organismen (z. B. Krebstieren) können hormonähnliche Substanzen Entwicklung, Häutung und Geschlechtsdifferenzierung verändern, was Nahrungsnetz‑ und Zersetzungsprozesse beeinträchtigen kann.
Auf Populationsebene und für Ökosysteme ergeben sich mehrere relevante Konsequenzen: chronische Reproduktionseffekte führen zu verringerter Rekrutierung, veränderten Alters‑ und Geschlechtsverteilungen und damit potenziell zu langfristigem Rückgang oder lokalen Ausdünnungen empfindlicher Arten. Solche Verschiebungen können Nahrungsketten und funktionelle Prozesse (z. B. Bestäubung, Nährstoffkreislauf, Prädation) verändern und die ökologische Resilienz gegenüber weiteren Belastungen reduzieren.
Besonders problematisch ist der Cocktail‑Effekt: in natürlichen Gewässern treten zahlreiche hormonaktive Stoffe und andere Chemikalien gleichzeitig auf. Kombinationseinflüsse können additiv oder synergistisch sein und sind oft bei niedrigen Einzeldosen biologisch wirksam. Hinzu kommen nichtlineare Dosis‑Wirkungsbeziehungen und sensible Lebensstadien (Embryonen, Larven), in denen geringe Dosen überproportional starke oder dauerhafte Effekte auslösen können. Es gibt zudem Hinweise auf transgenerationale Effekte, bei denen sich Störungen erst in späteren Generationen manifestieren.
Sedimente und organisches Partikelsystem spielen eine wichtige Rolle: manche Hormone oder deren lipophile Metaboliten sorbieren an Sedimente und Partikel, dienen als lokale Senken und als Langzeitquelle (Freisetzung bei Umwälzung). Benthos und Bodenlebewesen können daher exponiert werden, was zu Aufnahme und potenzieller Weitergabe in höheren trophischen Ebenen führen kann. Bioakkumulation ist stoffabhängig und für manche Verwandte oder Metaboliten relevanter als für das Ursprungshormon selbst.
Trotz zahlreicher Befunde bestehen Unsicherheiten bei der Übersetzung von Labor‑ und Feldindikatoren zu gesicherten Populations‑ und Ökosystemrisiken: Messwerte lassen sich oft schwer mit biologischen Endpunkten verknüpfen, Effekte sind ortsabhängig und zeitlich variabel. Deshalb sind Langzeit‑Monitoring, kombinierte chemische und effektorientierte Untersuchungen sowie ökotoxikologische Studien unter realistischen Expositionsbedingungen nötig, um das Ausmaß ökologischer Folgen robust zu beurteilen.

Mögliche gesundheitliche Auswirkungen für Menschen

Die primäre Expositionsroute für hormonaktive Substanzen beim Menschen ist in der Regel die direkte Einnahme von Medikamenten sowie die Zufuhr über kontaminierte Nahrungsmittel (z. B. Rückstände in Fisch, Milch oder Erzeugnissen tierischer Herkunft) und kosmetische/medizinische Anwendungen. Die Belastung über Trinkwasser liegt quantitativ meist deutlich unter der direkten Aufnahme durch verschriebene Arzneimittel; durch die kontinuierliche, lebenslange Aufnahme sehr niedriger Konzentrationen können aber trotzdem Fragen zur gesundheitlichen Bedeutung entstehen, insbesondere für empfindliche Subgruppen.
Für endokrine Wirkstoffe gelten spezielle toxikologische Problempunkte: viele Effekte treten bereits bei sehr niedrigen Dosen auf, und die Dosis‑Wirkungs‑Beziehung kann nichtmonoton sein (d. h. geringe Dosen können andere oder stärkere Effekte zeigen als mittlere Dosen). Außerdem sind es nicht nur die Ursprungssubstanzen, sondern auch Metaboliten und Transformationsprodukte, die hormonell aktiv sein können. Diese Eigenschaften erschweren die Extrapolation aus klassischen, hochdosierten Tierversuchen auf die menschliche Niedrigdosexposition über das Trinkwasser.
Besonders anfällige Gruppen sind Embryonen und Föten, Säuglinge und Kleinkinder (wegen Entwicklungsempfindlichkeit, geringerer Körpermasse und anderer Stoffwechselparameter), Schwangere, pubertierende Jugendliche und Personen mit hormonempfindlichen Vorerkrankungen (z. B. bestimmte Brust‑ oder Prostatakrebserkrankungen). Für diese Gruppen können schon kleine Änderungen hormoneller Signale relevante Entwicklungs‑ oder Funktionsstörungen bewirken; deswegen werden sie in Risikoabschätzungen besonders berücksichtigt.
Die gesundheitliche Bewertung wird zusätzlich durch den „Cocktail‑Effekt“ kompliziert: Menschen sind gleichzeitig vielen verschiedenen hormonaktiven Substanzen ausgesetzt, und die kombinierte Wirkung kann größer sein als die Summe einzelner Effekte. Langzeit‑ und Niedrigdosisfolgen sind bisher unzureichend untersucht: epidemiologische Studien mit gut charakterisierter Exposition über Trinkwasser fehlen weitgehend, und toxikologische Daten decken nicht alle relevanten Wirkmechanismen und stofflichen Kombinationen ab.
Vor diesem Hintergrund sind die Unsicherheiten groß. Konkrete Belege dafür, dass die derzeit in gut aufbereitetem Trinkwasser vorkommenden Hormonspuren in der Allgemeinbevölkerung zu klaren Gesundheitsschäden führen, sind bislang begrenzt. Das heißt aber nicht, dass kein Risiko besteht — vielmehr fehlt es an belastbaren Langzeitdaten, sensiblen Biomarkern und Studien, die niedrige, wiederholte Expositionen und Mischungen abbilden.
Wesentliche Forschungs‑ und Bewertungsbedarfe sind daher: longitudinale Kohortenstudien mit guter Expositionsabschätzung, Entwicklung und Einsatz empfindlicher Biomarker für hormonelle Effekte, experimentelle Studien zu Mischungswirkungen und Nicht‑linearitäten sowie bessere Daten zu Metaboliten/Transformationsprodukten. Solange diese Lücken bestehen, ist ein vorsorglicher Ansatz sinnvoll: Quellenreduktion, gezieltes Monitoring in Roh- und Trinkwasser sowie der Einsatz geeigneter Aufbereitungstechniken dort, wo vulnerablen Gruppen ein erhöhtes Expositionsrisiko droht.
Regulierung, Monitoring und Richtlinien (Kurzüberblick, Deutschland/EU)
Auf EU‑Ebene bilden mehrere Rechtsakte den Rahmen für das Management von Hormonen und anderen mikroverunreinigenden Stoffen im Wasser: die Wasserrahmenrichtlinie (WFD) mit dem Priorisierungs‑/EQS‑System für Gewässer, die zugehörigen Durchführungsentscheidungen (u. a. dynamische „Watch‑Lists“) sowie die Neufassung der Trinkwasserrichtlinie (Directive (EU) 2020/2184), die ein eigenes Watch‑List‑Verfahren für Wasser zum menschlichen Gebrauch eingeführt hat. (op.europa.eu)
Die Kommission nutzt diese Watch‑Listen, um Union‑weit vergleichbare Daten zu Vorkommen und Messbarkeit zu sammeln und daraus zu entscheiden, ob ein Stoff als prioritäre Substanz (mit strengeren Umweltqualitätsstandards) oder als parametrisierter Trinkwasserschadstoff weiter reguliert werden muss. Beispiele: Für Oberflächengewässer standen 17‑alpha‑ethinylestradiol (EE2) und 17‑beta‑estradiol (E2) bereits auf den WFD‑Watch‑Lists, um Monitoringdaten zu erzeugen; für Trinkwasser hat die Kommission in der ersten Watch‑List‑Entscheidung nach der Neufassung der Trinkwasserrichtlinie (Implementing Decision (EU) 2022/679) 17‑beta‑estradiol und Nonylphenol aufgenommen und für E2 einen Leitwert von 1 ng/l (Guidance Value) festgelegt. (eur-lex.europa.eu)
Die EU‑Strategie zur Verringerung von Arzneimittelrückständen (Strategic Approach to Pharmaceuticals in the Environment, COM(2019)128) ergänzt diese Regulierungsebene und betont Maßnahmen entlang des gesamten Lebenszyklus (Quellenreduzierung, besseres Abfallmanagement, Monitoring, Innovation), weil allein technische Aufbereitungen oft nicht ausreichend oder wirtschaftlich nicht überall realisierbar sind. (europeansources.info)
In Deutschland wurde die Neufassung der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) am 24. Juni 2023 in Kraft gesetzt, um die Vorgaben der EU‑Trinkwasserrichtlinie umzusetzen; parallel sind Maßnahmen für ein verpflichtendes risikobasiertes Management von Trinkwassereinzugsgebieten erlassen worden (u. a. Trinkwassereinzugsgebieteverordnung, in Kraft 12.12.2023). Damit sind nationale Pflichten für Monitoring, Risikoabschätzung und Schutz der Rohwassereinzugsgebiete gesetzlich verankert. (gesetze-im-internet.de)
Praktische Konsequenzen für Monitoring und Regulierung: Mitgliedstaaten müssen Watch‑List‑Stoffe unionweit in standardisierter Weise überwachen und berichten; die so gewonnenen Daten fließen in Priorisierungs‑ und Gefährdungsabschätzungen ein, die entscheiden, ob verbindliche Grenzwerte oder weitergehende Maßnahmen nötig sind. Gleichzeitig bestehen erhebliche methodische und politisch‑praxisbezogene Herausforderungen — sehr niedrige Mess‑ bzw. Richtwerte (ng/l‑Bereich), das Vorhandensein von Metaboliten/Transformationsprodukten, Mixtur‑ bzw. Cocktail‑Effekte sowie Fragen zur Kosten‑Nutzen‑Abwägung bei verpflichtenden Aufbereitungsstufen — weshalb die EU zunächst auf Watch‑Lists, Guidance Values und risikobasierte Ansätze setzt, statt sofort EU‑weit einheitliche feste Parametrierungen für alle hormonellen Substanzen vorzuschreiben. (eur-lex.europa.eu)
Kurz: EU‑Recht (WFD + Watch‑Lists) und die recastete Trinkwasserrichtlinie bilden heute die Basis für die Identifikation, das Monitoring und die schrittweise Regulierung hormoneller Belastungen; Deutschland hat die Vorgaben mit der neuen TrinkwV und ergänzenden Rechtsakten umgesetzt. Die Folge ist ein zweigleisiger Ansatz: möglichst viel Daten und Risikoabschätzung (Watch‑Lists, Guidance Values, Monitoring) einholen und parallel durch Quellen‑ bzw. Präventionsmaßnahmen Risiken möglichst früh reduzieren. (op.europa.eu)
Techniken zur Reduktion / Entfernung in Wasser- und Abwasserbehandlung
Zur Eindämmung von hormonellen Spuren im Wasserkreislauf ist meist kein einzelnes Allheilmittel verfügbar, sondern ein mehrschichtiges (multi‑barrier) Konzept, das technische Aufbereitung, Betriebsoptimierung und Quellenreduktion kombiniert. Im Folgenden die wichtigsten technischen Optionen, ihre Wirkungsprinzipien sowie typische Vor‑ und Nachteile:
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Verbesserte biologische Nachbehandlung / tertiäre biologische Verfahren: Biofiltration (z. B. Sand- oder Aktivkohlefilter mit biofilm), Belebtschlamm‑Optimierung, MBBR (bewegliche Bettreaktoren) und weiterentwickelte Prozessführungen können die biologische Abbaubarkeit hormoneller Verbindungen erhöhen. Vorteil: vergleichsweise energieeffizient und kostengünstig, gute Abbauleistung für biologisch abbaubare Metabolite. Nachteil: schwankende Leistung bei tiefen Konzentrationen, temperatur‑ und SRT‑abhängig; nicht alle synthetischen Steroide sind gut biologisch abbaubar.
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Aktivkohle (PAC/GAC): Pulverisierte Aktivkohle (PAC) wird in Kläranlagen als Flockungsmittel/Hochadsorber eingesetzt; Granulierte Aktivkohle (GAC) wird in filternden Nachbehandlungen oder in Trinkwasserwerken genutzt. Aktivkohle sorbiert viele Hormon‑Moleküle sehr effektiv. Vorteil: hohe Entfernung für viele organische Spurenstoffe, relativ etablierte Technik. Nachteil: Sättigung/Regeneration erforderlich, Entsorgung oder thermische Regeneration der gesättigten Kohle; eingeschränkte Wirkung bei sehr polareren Metaboliten.
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Ozonung: Ozon oxidiert selektiv organische Moleküle und reduziert hormonelle Aktivität oft deutlich. Vorteil: schnelle und effektive Oxidation; gute Reduktion östrogener Aktivität. Nachteil: Bildung von Umwandlungsprodukten (Oxidationsprodukte), mögliche Bildung von gesundheitlich relevanten Nebenprodukten (abhängig von Wassermatrix), Bedarf an Nachbehandlung (z. B. biologischer Filter) zur Entfernung von Oxidationsprodukten.
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Advanced Oxidation Processes (AOP; z. B. UV/H2O2, O3/H2O2, UV/TiO2): Erzeugen hochreaktive Hydroxylradikale, die eine breite Palette organischer Spurenstoffe zerstören können. Vorteil: sehr breit wirksam, oft hohe Degradationsraten auch für schwer abbaubare Substanzen. Nachteil: hoher Energie‑ und Chemikalienbedarf, Investitions‑ und Betriebskosten, mögliche Bildung transienter Transformationsprodukte; technische Komplexität.
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Membranverfahren (Nanofiltration, Umkehrosmose): Diese Trennverfahren entfernen Spurenstoffe durch physikalische Barrierewirkung. Vorteil: sehr hohe Entfernungseffizienz (auch für nicht‑abbaubare und polare Stoffe). Nachteil: hohe Investitions‑ und Betriebskosten, Energiebedarf, Entstehung eines Konzentrats (Konzentratentsorgung/Verwertung), Fouling/Spülwasserbedarf.
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Kombinationen (Hybridlösungen): Zahlreiche Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass Kombinationen wie Ozonung gefolgt von biologischer Aktivkohle (BAC), AOP + biologischer Nachbehandlung oder Membran + Aktivkohle die besten Ergebnisse liefern. Kombinierte Systeme reduzieren das Risiko, dass Oxidationsprodukte oder nicht entfernte Metabolite verbleiben.
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Physikalische/chemische Zusatzverfahren: Adsorptionsharze, Ionenaustauscher oder spezielle Katalysatoren können in Einzelfällen eingesetzt werden; oft teuer und stoffspezifisch in der Wirksamkeit.
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Entfernen in der Trinkwasseraufbereitung: Für Trinkwasserwerke sind GAC‑Filter, Nanofiltration/RO und gegebenenfalls UV/Ozon‑Kombinationen die wichtigsten Optionen, wenn im Rohwasser relevante Einträge nachgewiesen werden. Bei Trinkwasserniveau‑Schutz ist oft eine Kombination aus Rohwasserschutz, GAC und punktuellen Membranstufen sinnvoll.
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Haushaltslösungen: Aktivkohlefilter (z. B. in Wasserfiltern) und Umkehrosmoseanlagen können die Konzentration vieler hormoneller Spurenstoffe im Leitungswasser reduzieren; ihre Wirksamkeit ist aber filtertyp‑ und betriebsspezifisch und erfordert regelmäßigen Austausch/Wartung.
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Schlamm und Rückstände: Viele hormonaktive Substanzen adsorbieren an Klärschlämme. Daraus ergibt sich ein Entsorgungsproblem (Klärschlamm‑Ausbringung vs. sichere Beseitigung). Verfahren zur Klärschlammbehandlung (z. B. Thermische Verwertung, Kompostierung unter kontrollierten Bedingungen) müssen bei der Gesamtbewertung berücksichtigt werden.
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Vor‑ und Nachteile zusammengefasst: Membranen und AOPs erzielen hohe Entfernungsraten, sind aber teuer und energieintensiv; Aktivkohle ist wirtschaftlich und flexibel, benötigt jedoch Regeneration/Entsorgung; Ozonierung ist wirkungsvoll, kann aber Nebenprodukte erzeugen; biologische tertiäre Schritte sind wirtschaftlich, aber in ihrer Effizienz variabel. Wirtschaftlichkeit, Zielkonzentration, Handling von Nebenströmen (Konzentrat, gesättigte Kohle, Schlamm) und lokale Rahmenbedingungen bestimmen die sinnvolle Lösung.
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Maßnahmen zur Quellenreduktion als Teil der Strategie: Technische Maßnahmen sind am effektivsten in Kombination mit Source‑Control: Rücknahmeprogramme für Arzneimittel, Aufklärung (Green Pharmacy), restriktivere Tierarzneimittel‑Anwendung und Schutz von Rohwassereinzugsgebieten können die Notwendigkeit großräumiger teurer Aufrüstung verringern.
Empfehlung für die Praxis: Priorisiert werden sollten gezielte Maßnahmen an „Hotspots“ (Kläranlagen mit hohem Eintrag oder Trinkwasserwerke mit problematischen Rohwässern), die Implementierung kombinierter Behandlungszüge (z. B. Ozon → BAC oder GAC → Membran) sowie begleitendes Monitoring und Wirkungsprüfungen (z. B. bioanalytische Tests), um sicherzustellen, dass nicht nur die Konzentration, sondern auch die hormonelle Aktivität bzw. toxische Transformationsprodukte reduziert werden. Gleichzeitig ist die Förderung von source‑control‑Maßnahmen kosteneffizient und politisch sinnvoll.
Verhaltensempfehlungen für Verbraucher und Akteure
Verbraucher sollten möglichst konsequent Arzneimittelreste an die Apotheke zurückgeben und nicht über Toilette oder Spüle entsorgen. Viele Apotheken nehmen ungenutzte Medikamente zur umweltgerechten Entsorgung entgegen; das reduziert eine wichtige Eintragsquelle für Hormone. Beim Umgang mit Hausfiltern gilt: Aktivkohlefilter können viele organische Spurenstoffe, darunter manche hormonaktive Substanzen, teilweise reduzieren, sind aber in der Wirksamkeit stark abhängig von Filtertyp, Kontaktzeit und Pflege. Umkehrosmose entfernt einen Großteil der organischen Spurenstoffe, ist aber teuer, energieintensiv und produziert Abwasser. Wer einen Point‑of‑Use‑Filter verwenden möchte, sollte auf unabhängige Prüfungen zur Entfernung von „mikroschädlichen“ Stoffen bzw. hormoneller Aktivität achten, die Filter regelmäßig nach Herstellervorgaben wechseln und sich nicht allein auf den Filter für Schutzmaßnahmen verlassen. Flaschenwasser ist nicht automatisch frei von Spurenstoffen und verursacht zusätzliche Umweltbelastung durch Verpackung und Transport. Kleine, praktische Schritte: keine Medikamente wegwerfen, Gebrauchsanweisungen lesen, Filterwartung einplanen, bei Unsicherheit die örtliche Wasserversorgung oder Verbraucherberatungen fragen.
Kommunen und Wasserversorger sollten risikoorientiertes Monitoring durchführen (Hotspots, saisonale Spitzen prüfen) und priorisiert dort aufrüsten, wo Eintrags- und Expositionsrisiken am höchsten sind. Investitionen in tertiäre Behandlungsstufen (z. B. Aktivkohle, Ozonierung, selektive Membranen, gegebenenfalls kombinierte AOP‑Verfahren) sind wirksam, aber kosten- und energieintensiv — deshalb sind Standortbewertungen, Kosten‑Nutzen‑Analysen und abgestufte Maßnahmenpläne sinnvoll. Parallel sind Schutzmaßnahmen für Rohwassereinzugsgebiete (Zonierung, Überwachung, Kontrolle landwirtschaftlicher Einträge, Regenwasserbewirtschaftung) wichtig, um die Belastung an der Quelle zu verringern. Transparente Kommunikation mit der Bevölkerung über Monitoring‑Ergebnisse, Risiken und getroffene Maßnahmen erhöht Akzeptanz und ermöglicht gezielte Verhaltensänderungen.
Landwirtschaft, Tierhalter und Veterinärmedizin sollten Einsatz und Abgabe hormoneller Präparate kritisch prüfen und nur nach Bedarf und vorausschauender Beratung einsetzen. Gute Praktiken umfassen: optimiertes Nährstoff‑ und Güllmanagement (geordnete Lagerung, angepasste Ausbringzeiten, Vegetationsstreifen/Randstreifen), Minimierung von Prophylaxe‑Einsätzen, gezielte Diagnostik vor Behandlung und Rücknahmeprogramme für nicht verwendete Tierarzneimittel. Tierärzte können durch Verschreibungs‑ und Beratungsstrategien dazu beitragen, unnötige Anwendungen zu vermeiden.
Gesundheitssektor, Pharmaindustrie und Apotheken sind aufgefordert, „Green Pharmacy“-Ansätze zu fördern: Wirkstoffdesign mit besserer Umweltabbaubarkeit, informationelle Beratung von Patienten zur richtigen Einnahme und Entsorgung sowie Logistikkonzepte zur Rücknahme. Forschungseinrichtungen und Behörden sollten standardisierte Monitoringmethoden, Effekt‑bioassays und Kosten‑nutzen‑Analysen weiterentwickeln, damit Entscheidungen für Aufbereitungsinvestitionen belastbar sind.
Auf allen Ebenen hilft Bildung und Öffentlichkeitsarbeit: Verbraucherinformation zur richtigen Entsorgung, professionelle Fortbildung für Landwirte und medizinisches Personal, sowie vernetzte lokale Initiativen (z. B. Sammelaktionen, Dialogforen). Kurzfristig lässt sich durch konsequente Rückgabe von Medikamenten, gezielte Informationsarbeit und Schutzmaßnahmen in Rohwassereinzugsgebieten viel erreichen; langfristig sind kombinierte Maßnahmen aus Quelle‑kontrolle, angepasstem Monitoring und technologischer Aufbereitung nötig.
Forschungslücken und Ausblick
Trotz erheblicher Fortschritte bleiben zentrale Wissenslücken, die Forschung und Politik gezielt adressieren müssen. Besonders dringlich ist das Verständnis von Mischungswirkungen: in der Umwelt liegen Hormone und hormonaktive Metaboliten nie isoliert vor, sondern als komplexe Gemische mit potenziell additiven oder synergistischen Effekten. Hier fehlen standardisierte Labor‑ und Freilandstudien, die realistische Umweltkonzentrationen, chronische Niedrigdosenexpositionen und multiple Stoffklassen gleichzeitig betrachten. Parallel dazu sind Langzeit‑Epidemiologien beim Menschen (kohortenbasierte Studien zu Fertilität, Entwicklung, endokrinen Erkrankungen) rar, sodass Aussagen zur Bedeutung der Trinkwasser‑exposition gegenüber anderen Quellen (Ernährung, Medikamentengebrauch) unsicher bleiben.
Methodisch bestehen Lücken bei Analytik und Wirkungstestung: Nicht‑targetiertes Screening (High‑Resolution‑MS) und Effektbasierte Analytik zeigen großes Potenzial, benötigen aber Harmonisierung, Validierung und kostengünstigere Workflows für Routine‑Monitoring. Gleiches gilt für Probenahme (passive Sammler, Repräsentativität über Zeit/Spitzenereignisse) und für die Charakterisierung von Transformationsprodukten — diese können selbst hormonaktiv sein, werden aber häufig nicht erfasst. Die Überführung von in vitro‑Ergebnissen in in vivo‑Relevanz (IVIVE) und die Verknüpfung mit Adverse Outcome Pathways (AOPs) wäre ein wichtiger Schritt, um Wirkmechanismen in regulatorisch verwertbare Risikoindikatoren zu übersetzen.
Auf technologischer Ebene fehlen breit angelegte, vergleichende Bewertungen von Reinigungsverfahren unter realen Bedingungen: Pilot‑ und Vollskalendaten zu Wirksamkeit, Nebenproduktbildung, Energie‑ und Kostenbilanz (z. B. Aktivkohle, Ozon/AOP, Membranen) sind begrenzt, insbesondere für kleine und mittlere Kläranlagen sowie für Trinkwasseraufbereitung in kommunalen Versorgungen. Forschung sollte hier nicht nur die Eliminationsraten, sondern auch die Ökobilanz, Lebenszykluskosten und die Praktikabilität (Betriebsaufwand, Rückstände) berücksichtigen.
Es besteht Bedarf an systemischen und institutionellen Maßnahmen: ein europaweit harmonisiertes Monitoringsystem mit offenen Datenbanken würde Vergleichbarkeit und Priorisierung erleichtern; interdisziplinäre Projekte („One Health“) sollen Landwirtschaft, Gesundheit, Wasserwirtschaft und Regulierung verbinden. Präventionsforschung — z. B. Wirksamkeit von Green‑Pharmacy‑Initiativen, Verhaltensinterventionen zur Medikamentenentsorgung und agrarökologische Maßnahmen zur Reduktion von Einträgen — ist kosteneffizient und sollte parallel zu Technikforschung ausgebaut werden.
Kurzfristige Prioritäten sind die Standardisierung von Analysen und Bioassays, der Ausbau von Monitoringschwerpunkten (Rohwasser, kleine Wasserversorger, Sedimente) und die Durchführung vergleichender Pilotversuche für Aufbereitungstechnologien. Mittelfristig sind groß angelegte epidemiologische Studien, die Integration von AOP‑basierten Bewertungsrahmen und die Skalierung bewährter Technologien wichtig. Langfristig nötig sind harmonisierte regulatorische Kriterien für hormonaktive Stoffe und eine dauerhafte Umsetzung von Source‑Control‑Strategien. Forschungsförderung sollte diese abgestuften Ziele unterstützen und transsektorale Kooperationen sowie offene Datenplattformen fördern, um Wissenslücken zielgerichtet zu schließen und Handlungsempfehlungen evidenzbasiert zu ermöglichen.
Fazit
Hormone und hormonaktive Substanzen kommen im Wasserkreislauf nachweisbar vor — typischerweise in sehr niedrigen Konzentrationen (Pikogramm– bis Nanogramm pro Liter). Entscheidend ist: obwohl die Konzentrationen gering sind, können sie für aquatische Organismen relevant sein und sekundäre Effekte in Ökosystemen auslösen; für die menschliche Trinkwasserexposition gelten sie im Allgemeinen als untergeordnet gegenüber direkten Quellen wie Arzneimittelanwendung oder Nahrung, allerdings bestehen erhebliche Unsicherheiten bei Langzeit‑ und Niedrigdosiswirkungen sowie bei empfindlichen Gruppen.
Aus diesen Erkenntnissen folgen drei übergeordnete Schlussfolgerungen: Prävention hat Vorrang vor teuren End-of-Pipe‑Lösungen; gezieltes, standardisiertes Monitoring ist nötig, um Prioritäten zu setzen; und dort, wo Risiken für Umwelt oder Trinkwasserversorgung nachgewiesen sind, sind gezielte technische Maßnahmen sinnvoll.
Empfohlene Prioritäten (Kurzfassung):
- Quelle minimieren: bessere Rückgabesysteme für Arzneimittel, Aufklärung zu unsachgemäßer Entsorgung, „Green Pharmacy“-Ansätze und optimierte Tierarzneimittelanwendung in der Landwirtschaft.
- Monitoring und Priorisierung: flächendeckende, vergleichbare Messprogramme für relevante Hormone und deren Metabolite sowie Effektmessungen (Bioassays), damit Hotspots und Belastungsquellen identifiziert werden können.
- Schutz der Rohwassereinzugsgebiete: Vorsorge in Wasserschutzgebieten, Einschränkung potenzieller Einträge und Management von Oberflächenabfluss.
- Zielgerichtete Aufbereitung: Investitionen in weitergehende Abwasserbehandlung (z. B. Aktivkohle, Ozon/AOP) und bei Bedarf in Trinkwasseraufbereitung (Aktivkohle, Umkehrosmose/Nanofiltration) dort, wo Monitoring ein erhöhtes Risiko zeigt — unter Abwägung von Kosten, Energiebedarf und möglichen Nebenprodukten.
- Forschung und Bewertung: Studien zu Mischungswirkungen, Langzeit‑Epidemiologie und kosteneffizienten Nachweismethoden; Entwicklung von Leitlinien zur Risikobewertung hormonaktiver Gemische.
- Koordination und Regulierung: Abstimmung zwischen Politik, Wasserversorgern, Gesundheitssektor und Landwirtschaft zur Festlegung realistischer Prioritäten, Monitoring‑Vorgaben und Förderstrategien.
Kurzfristig wirksame Maßnahmen für unterschiedliche Akteure sind gut umsetzbar (z. B. flächendeckende Medikamentenrücknahme, Aufklärung, lokale Monitoring‑Programme). Langfristig sind systemische Ansätze nötig: weniger Eintrag durch veränderte Verschreibungs‑/Anwendungspraktiken, bessere Abwassertechnik an kritischen Standorten und internationale Zusammenarbeit bei Forschung und Regulierung.
Insgesamt spricht vieles für eine abgestufte Strategie: Quelle kontrollieren, Belastungen messen und nur dort technisch nachrüsten, wo es für Umwelt oder Trinkwasser nachweislich erforderlich ist. Damit lassen sich Umweltwirkungen reduzieren, Unsicherheiten adressieren und gesellschaftliche Kosten gezielt einsetzen.

